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München: Wirbel um Neonazi-Treffpunkt

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München: Wirbel um Neonazi-Treffpunkt
Parallelen zu den 1990-er Jahren:
Widerstand gegen die Neonazi-Aktivitäten:
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Glaskasten_SchildEine Gaststätte im Stadtteil Berg am Laim hat sich im Laufe der letzten drei Jahre zu einem der wichtigsten Neonazi-Treffpunkte in München entwickelt. Seit einiger Zeit schon regt sich im Viertel Unmut über die neonazistischen Veranstaltungen und Konzerte, die hier ein- bis zweimal in der Woche stattfinden. Nun kündigen Lokalpolitiker_innen und Antifaschist_innen Gegenaktivitäten an.

Eine Gaststätte als Neonazi-Treffpunkt:

Gegenüber der St.-Pius-Kirche im Münchner Stadtteil Berg am Laim liegt das "Wirtshaus Zum Glaskasten". Den ungewöhnlichen Namen trägt die weiträumige Gaststätte aufgrund der auffallend großen Fensterfronten. Nachmittags treffen sich hier vorwiegend ältere Männer aus dem Viertel zum Kartenspielen und Biertrinken, auch ein Dart-Club nutzt den "Glaskasten" für Training und Turniere.

Abends kommen ganz andere "Gäste" hierher. Junge Neonazis aus den militanten Neonazi-Kameradschaften Münchens und des Umlands, z. B. aus Neubiberg oder Gilching, gehen dann im "Kampflokal", so die szeneinterne Bezeichnung, ein- und aus. Die "Freien Nationalisten München" (FNM) würden sich "regelmäßig zum Kameradschaftsabend in einer Gaststätte" treffen, so deutet die Gruppe auf ihrer Homepage konspirativ an. Diese ungenannte "Gaststätte" ist ebenfalls meist die Kneipe "Glaskasten" im Münchner Osten. Fast jeden Donnerstag Abend setzen sich hier zehn bis zwölf junge Neonazis ins Nebenzimmer, oft ist der vorbestrafte NPD-Bundestagskandidat Philipp Hasselbach dabei. Auch für größere Veranstaltungen greifen die Neonazis auf die Räumlichkeiten unweit des Ostbahnhofs zurück:

Beispiele neonazistischer Veranstaltungen:

Am 8. November 2008 veranstalteten  u. a. die neonazistischen Kameradschaften "Freie Nationalisten München" (FNM), "Freundeskreis Gilching" (FKG) und "Kameradschaft München-Süd-Ost" (KMSO) einen sogenannten "Erzählabend" im Seitenflügel des "Wirtshaus zum Glaskasten". Als "Referent" trat der ehemalige Wehrmachtssoldat Franz Gräßl auf. Einige Teilnehmer am "Erzählabend" trugen die "Frontstadt München"-T-Shirts, die der Münchner Neonazi-Mailorder "Odin-Versand" im Angebot führt. "Wir schwören Treue bis in den Tod", heißt es auf der Rückseite, dazu ist ein historisches Foto einer Münchner SS-Vereidigung aufgedruckt.

Am Samstag, 12. Dezember 2009, trafen sich viele Neonazis im "Glaskasten" zu einem "Liederabend" des "Nationalen Widerstandes Oberbayern" (NWO) unter dem Motto "Weisse Weihnachten". Teilgenommen haben Mitglieder der neonazistischen Gruppen "Kameradschaft München Süd-Ost" (KMSO), der "Nationalen Solidarität Bayern" (NSB), vom "Freundeskreis Gilching" (FKG) und den "Freien Nationalisten München" (FNM). Vor den Reden von Philipp Hasselbach und dem Auftritt von "Liedermacher Thomas aus Berlin" wurde im weihnachtlich dekorierten "Glaskasten"-Nebenraum noch der Fernseher mit einer Reichskriegsflagge zugehängt. Vor ungebetenen Blicken sollte schwarzer Stoff schützen, mit der die Fensterfront abgeklebt war. Es war nicht irgendein schwarzer Stoff, sondern das Gilchinger Neonazi-Transparent "60 Jahre Lügen und Hetze sind genug - Nationaler Sozialismus jetzt!", das dafür hergenommen wurde. "Die Gaststätteninhaber", so berichtete es anschließend der "Freundeskreis Gilching" erfreut, hätten "noch ein paar bunte Teller mit weihnachtsüblichem Gebäck" spendiert.

Dutzende Neonazis drängten sich am Samstag 23. Januar 2010 im "Glaskasten"-Nebenzimmer, um das ein- bzw. zweijährige Bestehen der Neonazi-Kameradschaften "Nationale Solidarität Bayern" und "Freundeskreis Gilching" zu feiern. Der Raum war mit schwarz-weiß-roten "Reichsfahnen" und einer Reichskriegsflagge dekoriert. Mit dem schwarzen Gilchinger Neonazi-Banner "Helden für Deutschland - Sie waren die besten Soldaten der Welt" wurden wieder die Fenster zugehängt. An die Teilnehmenden, u.a. die neonazistischen Möchtegern-Rocker der "Jagdstaffel Süd", wurden stapelweise Neonazi-Aufkleber verteilt. Der Gilchinger Aktivist Ron Appelt und die "Kameraden" Stephan Wöhrle (der führende NSB-Aktivist) und Vanessa Becker (die überregional aktive FNM-Rednerin) hielten Reden. Außerdem sei "Liedermacher Dirk aus Ahlen" bei der Veranstaltung aufgetreten, wie "Freundeskreis Gilching" und "Nationale Solidarität Bayern"  (diese übrigens unter Verwendung der Parole "Nationaler Sozialismus jetzt!") anschließend berichteten.

Über 30 Neonazis trafen sich zuletzt am Samstag, 27. Februar 2010 im "Glaskasten"-Nebenzimmer, das an diesem Abend mit den großen rot-weißen Pfeil-Fahnen der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) dekoriert war. Die meisten der Teilnehmenden kamen direkt vom Neonazi-Aufmarsch in Augsburg in die Gaststätte. Zur "Informationsveranstaltung" hatten vor allem die "Freien Nationalisten München" und der "Freundeskreis Gilching" mobilisiert, als Hauptredner traten der JN-Bundesvorsitzende Michael Schäfer und der bayerische NPD-Landesvorsitzende Ralf Ollert auf. Daneben sprachen noch Philipp Hasselbach und der sogenannte "JN-Beauftragte für München", Paul "Hoolipaul" Engelhardt.


Parallelen zu den 1990-er Jahren:

Schon einmal sorgte das "Wirtshaus Zum Glaskasten" für ähnliche Schlagzeilen wie dieser Tage. Vor zwölf Jahren beherbergte der frühere Wirt, Franz W., auch mehrere Male Neonazis. Als der damalige "Stützpunktleiter München" der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN), Carsten Beck, dann für den 29. August 1998 noch die "Lieben Kameraden und Freunde der nationalen Sache" zur Veranstaltung "Jugend steh auf - Sturm brich los - für ein neues 'altes' Reich" in die Gaststätte einlud, kündigten Antifaschist_innen Widerstand an: "Ein direktes Eingreifen gegen dieses Kader-Treffen wird damit unausweichlich" schrieb die "Antifaschistische Aktion München" in einer Pressemitteilung und mittels einer Postwurfsendung ("Lassen wir nicht zu, dass sich Neonazis in unserem Stadtteil breit machen und so ungehindert ihr Unwesen treiben können!") wurden die Anwohner_innen zu einer Protestkundgebung am Piusplatz mobilisiert. Mit Erfolg, denn über die Proteste wurde in den Münchner Medien ausführlich berichtet und die Neonazis mieden in Zukunft das Wirtshaus.

Gaststätte

"Glaskasten"-Wirt kündigt weitere neonazistische Veranstaltungen an:

Der heutige Wirt des "Wirtshaus zum Glaskasten", Martin Kreidl, hat die Auseinandersetzungen im Jahr 1998 damals direkt mitbekommen. Zu dieser Zeit war er nämlich öfters Gast in jener Kneipe, die er nun selbst betreibt. Aus dem Protest von Antifas und Anwohner_innen scheint er aber offensichtlich nichts gelernt zu haben. Heute verteidigt Kreidl vehement das Zurverfügungstellen seiner Räume an militante Neonazigruppen. Im a.i.d.a.-Gespräch gab er zu, schon seit drei Jahren seine Räume bis zu zwei Mal pro Woche für neonazistische Veranstaltungen zu vergeben, damit habe er "keine Probleme". "Was die unter sich machen", interessiere ihn nicht: "Ich mache einen guten Umsatz und das ist für mich wichtig." Auch bei zukünftigen Anfragen will der Wirt daher sein Nebenzimmer an Hasselbach & Co. vermieten: "Wenn sie jeder rausschmeißt, ich schmeiß sie nicht raus", so Kreidls lapidarer Kommentar.


Widerstand gegen die Neonazi-Aktivitäten:

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude hatte aufgrund eines Beschlusses des Stadtrats hin zuletzt im März 2009 die im "Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband" organisierten Betriebe aufgefordert, bei Anfragen von "Gruppen, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind" nach "Veranstaltungsräumlichkeiten/Nebenzimmern o. ä.", diesen eine solche "Plattform" nicht zu ermöglichen.  Den "Verein Münchner Brauereien" forderte Ude gleichzeitig auf, einen entsprechenden "Passus in die Pachtverträge zwischen Brauereien und Gaststättenbetreiber" aufzunehmen. Am 27. März 2009 sicherte der "Bayerische Hotel- und Gaststättenverband" dem OB zu, "alles in (seiner) Macht stehende zu tun, um der rechtsextremen Szene die Stirn zu bieten".

Die "Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuß" (ANG) und die "Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten" (NGG) starteten im April 2009 die gemeinsame Initiative "Gemeinsam für Toleranz". Im Aufruf heißt es unmißverständlich: "Auch in den Unternehmen der Ernährungswirtschaft haben Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung nichts zu suchen."

Bei der Brauerei, die die Räume des "Glaskastens" an Wirt Martin Kreidl verpachtet, zeigte man sich in einer ersten Reaktion schockiert. Für die Haltung des "Glaskasten"-Wirts Kreidl gebe es beim international agierenden Unternehmen überhaupt kein Verständnis. Gegenüber a.i.d.a. verwies Stefanie Scharpf, die Pressesprecherin der Spaten-Löwenbräu-Gruppe, ausdrücklich auf den "Code of Business Conduct" ihres Konzerns, der jede direkte oder indirekte Unterstützung extrem rechter Gruppen untersagt und stattdessen eine klare Abgrenzung einfordert.

"Glaskasten"-Wirt Martin Kreidl muß also zum Einen mit Ärger von "oben" rechnen. Zum Andern regt sich auch im Stadtteil mehr und mehr Unmut über die Neonaziveranstaltungen in der Berg-am-Laimer Kneipe. So protestiert u. a. Lydia Dietrich, die grüne Fraktionsvorsitzende im Münchner Rathaus, gegen die Haltung des Pächters: "Wer Neonazis Unterschlupf bietet, muss sich bewußt sein, dass er sich mitschuldig macht an Hetze gegen MigrantInnen, gegen Lesben und Schwule und anderen gesellschaftlichen Gruppen und der Verharmlosung der Naziverbrechen."

In den Münchner Antifa-Gruppen wird schon seit einiger Zeit über das "Problem Glaskasten" diskutiert. Im Stadtviertel soll in Kürze eine Kampagne gegen die Neonazi-Veranstaltungen starten. Daß solche Antifa-Maßnahmen erfolgreich sein können, zeigte sich zuletzt am Hauptbahnhof: Nach Interventionen antifaschistischer Initiativen war es gelungen, die oberbayerische Neonazi-Szene aus ihrer damaligen Stammkneipe "Fan-Arena" zu drängen.

 

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